2020. Hitzewelle in Sibirien, Buschfeuer in Australien, Terroranschläge in Wien und vielen anderen Ländern, eine weltweite Corona Pandemie, Neuaufnahme von „Durch den Monsun“. Auch wenn 2020 bestimmt auch gute Dinge passiert sind, dieses verflixte 2020 wird uns stets als katastrophales Jahr in Erinnerung bleiben.

Wir haben in diesem Jahr definitiv die kleinen Alltagsprobleme von uns Menschen zu lieben und schätzen gelernt – und sie uns sehnlichst zurückgewünscht. Wer erinnert sich noch an die stundenlangen Diskussionen zur Zeitumstellung? Die gottverdammte Zeitumstellung. Wochenlang ging es in den Medien um nichts anderes. Oder damals, als man noch sagte: „Heute gehe ich nur auf ein Bier“ – um dann am nächsten Tag nach 7 Bieren, 9 lauwarmen Jägermeistern und 17 sauren Äpfeln mehrmals das Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Aber eines, in das man nicht hineintreten sollte. Oftmals fällt an diesen verkaterten Tagen im Beisein des Partners der magische Satz mit den 3 Wörtern, der die wohl größte Lüge der Menschheitsgeschichte betitelt: „Nie wieder Alkohol.“

Wer erinnert sich noch an die Zeiten, als das Warten auf die U-Bahn die größte Sorge war. Die Nächste kommt erst in 5 Minuten, unfassbar – Zustände wie in einem dritten Welt Land! Warum kommt einem das Warten auf öffentliche Verkehrsmittel eigentlich immer so lange vor? Ich beschäftige mich ja gerne mit spannenden Dingen und wenn sie mich fesseln, dann aber richtig. Ich sitze oft ewig vor der Waschmaschine und beobachte das Drehen der Waschtrommel, oder verfolge schon seit acht Jahren das erfolglose Gedeihen meiner Plastikpflanze. Nächtelang beobachte ich am Fußboden die Entstehung des Lurchs. An Regentagen beschatte ich stundenlang Weinbergschnecken auf Ihrer großen und abenteuerlichen Reise über zwei Meter. Manchmal sitze ich still da und sehe der Küchenrolle solange zu, bis sie das Verfallsdatum erreicht hat. Aber nichts beschäftigt und verwirrt mein Gehirn so sehr, wie die Tatsache, dass einem das Warten auf eine U-Bahn vorkommt wie eine Ewigkeit. Ach ja, und warum man bei so gut wie allen Wiener Eisgeschäften immer ein Schleifpapier als Serviette erhält.

Und wenn wir schon bei den öffentlichen Verkehrsmitteln sind. Wie cool waren eigentlich die Zeiten als man sich über Fahrgäste ärgerte, die einem nicht zuerst austeigen ließen? Ich erinnere mich gerne an die verfluchenden Gedanken zurück, die ich für diese Sorte Mensch parat hatte. „Ich wünsche, dass dir deine Socken im Schuh über die Ferse rutschen, oder dass deine Bettdecke im Bettbezug verrutscht, oder dass bei deiner nächsten Mandarine in jedem Stück ein Kern ist. Ich wünsche dir eine juckende Nase beim Geschirrspülen! Möge dir dein Rettungs-Nacho auch in die Käsesauce fallen!“

Frisörbesuche sind auch nicht mehr das was sie einmal waren. Wobei ich persönlich bei Frisörbesuchen niemals Probleme hatte. Ein bisschen rasieren, ein bisschen schneiden, ein bisschen plaudern. Und anschließend der finale Move bei dem der Spiegel an den Hinterkopf gehalten wird, um das Endergebnis zu begutachten. Ich weiß nicht, wie es anderen Menschen dabei geht, aber ich habe hier noch nie etwas beanstandet, da könnte ein Brokkoli einrasiert sein – meine Antwort ist und wäre immer die gleiche: „Super danke!“

Vor einem Jahr war mein größtes Problem, wie weit entfernt von der Wohnhausanlage ich meine Nachbarn noch begrüße. Grundsätzlich gilt bei uns das ungeschriebene Gesetz: Man grüßt sich, aber ausnahmslos nur bis zum Beginn der Anlage. Danach, und damit ist auch nur ein Zentimeter nach der magischen Grenze gemeint, ignoriert man sich, auch wenn man sich gestern im Stiegenhaus noch so freundlich gegrüßt hat. Bestenfalls starren beide Parteien auf den Boden oder das Smartphone, um den Schein zu wecken, man habe sich nicht gesehen. Treffe ich Frau Huber bei der Eingangstüre: 

„Schönen Guten Morgen! Wie geht es ihnen Ihnen heute an diesem wunderbaren Tag?“ 

Treffe ich Frau Huber im Lebensmittelgeschäft direkt neben der Wohnhausanlage: Ich habe diese Frau noch nie in meinem Leben gesehen. 

Apropos Lebensmittelgeschäft. Das Besorgen von Nahrungsmitteln bringt auch immer wieder amüsante Probleme mit sich, die jetzt angesichts von Corona wieder komplett in den Hintergrund gedrängt werden. Irgendwann im Jahre 2019 hatte ich zur späten Stunde nach einer Trainingseinheit großen Heißhunger. In unmittelbarer Nähe befand sich nur ein Kebab-Pizza-Stand mit einem Restbestand von Pizzaschnitten. Wir kennen Sie alle, vor allem betrunken schmecken Pizzaschnitten, die den ganzen Tag schon in der Auslage liegen und im Ofen nur kurz angewärmt werden, wie eine Pizza in einer sonnigen Bucht an der Küste Italiens. Ich bestellte mir also ein Gustostückerl, in freudiger Erwartung auf eine geschmackliche Explosion. Leider kam ich währenddessen zu der Erkenntnis, dass ich meine Geldbörse zu Hause vergessen hatte. Hastig stornierte ich meine Bestellung (die sich schon im Ofen befand), und entschuldigte mich peinlich berührt. Pizzaverkäufer hassen diesen Trick. Was der Pizzaverkäufer dann antwortete, werden sie nicht glauben: „Egal Bruder, zahlst du morgen, Mahlzeit.“. Ich zahlte nicht morgen, ich befand mich nämlich in einer Gegend, in der ich so gut wie nie vorbeikomme. Mein schlechtes Gewissen plagt mich bis heute, aber eines Tages werde ich meine Schuld begleichen, ich schwöre es!

Gibt es da draußen eigentlich Menschen, die beim Bezahlen mit der Karte auch so nervös werden? Ein Augenblick der gefühlsmäßig minutenlang andauert. „Karte wird geprüft, Karte wird geprüft, Karte wird geprüft“ – Nervosität macht sich breit – „Karte wird geprüft, Karte wird geprüft“ – Bin ich mit meinem Konto überhaupt im Plus? – „Karte wird geprüft, Karte wird geprüft“ – ok, jetzt dauert es echt schon lange – „Karte wird geprüft, Karte wird geprüft“ – was müssen die Leute hinter mir nur von mir denken? „Karte wird geprüft, Karte wird geprüft“ – Ich hätte mir diesen gottverdammten Staubsauer mit selbstreinigendem Bürstenkopf, ultraleisem Kabeleinroller, 4K Displayanzeige und integrierter Sprachsteuerung niemals kaufen dürfen. – „Karte wird geprüft, Karte wird geprüft“ – Drückt die Kassiererin auf einen Alarmknopf? – „Karte wird geprüft, Karte wird geprüft“ – „Das war‘s, ich lande im Gefängnis. – „Karte wird geprüft, Karte wird geprüft“ – zieht die Kassiererin da etwa eine Waffe? – „Bezahlvorgang abgeschlossen.“ Best. Day. Ever.

Alles dreht sich nur noch um Corona. Dabei gibt es so viele unzählige weitere Alltagsprobleme, die nun komplett in Vergessenheit geraten sind.

Ich erinnere mich gerne an mein erstes Auto. Ihr kennt doch diese geilen, mächtigen Monstertrucks, die über Schrottautos springen, oder? So ein Schrottauto hatte ich. Aber das erste eigene, vierrädrige Gefährt ist einfach ein Highlight im Leben eines Menschen. Und wenn es nicht gerade das sündhaft teure Neuwagenmodel ist, ist das erste eigene Auto auch ein dankbarer Wegbegleiter, um die Eigenheiten des Wiener Straßenverkehrs kennenzulernen. Es ist quasi unmöglich, sein Auto im öffentlichen Parkraum von Parkschäden fernzuhalten. Stehst du eine Woche in einer kleinen Gasse, kannst du dir sicher sein, mindestens eine neue Delle, einen neuen Kratzer oder einen Seitenspiegelverlust zu haben.  Mir ist auch mal das Missgeschick passiert, mein Seitenfenster zwei Tage lang offen zu lassen. Zwei Tage lang. Ich hatte keine Wertsachen von großer Bedeutung im Wagen gelagert, trotzdem wurden mir selbst Kleinigkeiten gestohlen. Drei Parkscheine und meine gottverdammte Schere. Ich habe diese Schere geliebt. Sie hat geschnitten als gäbe es kein Morgen. Als absoluter Geschenkverpackungslegastheniker hat sie mir immer große Dienste erwiesen und das Geschenkpapier durchtrennt, wie keine Zweite. Gott, was habe ich sie nur geliebt. Verflucht seist du, Scherendieb, verflucht!

Immerhin das heilige Autofahren hat uns Corona noch nicht genommen. Wie herrlich ist es eigentlich: Über die Wiener Süd-Ost-Tangente rasen, der gemütliche 95er in der 80er Zone ist quasi ein Kavaliersdelikt. Man dreht sich entspannende Entspannungsmusik auf, beispielsweise Eminem. Eminem zählt übrigens zu den sprech-schnellsten Rappern der Welt. Ich glaube es gibt nur 2 Sorten von Menschen die eine höhere Sprechgeschwindigkeit als Slim Shady an den Tag legen können: ein spanischer Fußballkommentator während Lionel Messi das Runde ins Eckige hämmert und der Sprecher am Ende einer jeden Medikamenten Werbung beim Verkünden des Satzes „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Plötzlich bremst einem ein orientierungsloser Dacia-Fahrer auf menschenunwürdige 85 km/h hinunter. Und schon kann das grenzenlose Fluchen beginnen. Im Auto werden die besonnensten Menschen zu wilden Tieren. Und jeder wird mir bei folgender Ansicht zustimmen: beim Autofahren unterscheidet Jeder zwischen 2 Gruppen: Ich, und die Volltrottel. Und bei der Autobahnabfahrt läuft dann schlimmstenfalls noch ein verrückter Jogger bei Rot über die Ampel, obwohl daneben ein kleines Kind vorbildlich auf Grün wartet. Natürlich drückt man hier aufs Gaspedal und überfährt den Übeltäter sofort, um das Werteverständnis des Kindes aufrecht zu erhalten. In Gedanken zumindest.

Es ist tatsächlich ein Ding der Unmöglichkeit, derzeit nicht über das Thema Corona zu sprechen. Ähnlich unmöglich wie die Tatsache, dass man die Tablettenschachtel immer dort öffnet, wo sich der Beipackzettel befindet. Ein Beipackzettel bzw. Gebrauchsanleitung für das Leben wäre praktisch. Eine Gebrauchsanleitung für das Benutzen von elektrischen Drehtüren, wäre beispielsweise ein guter Beginn. Wie viele Menschen dürfen zugleich hinein? Wer ist Schuld, wenn die Drehtür stoppt und das nervige Alarmgeräusch ertönt? Ist es derjenige, der in Drehrichtung der Tür zu nahegekommen ist, oder der Nachzügler, welcher im Zeitlupentempo dahinvegetiert. Wie kann ein Mensch in einer Situation so sorglos agieren? Hinter einem droht das in nicht einschätzbarer Geschwindigkeit kommende Grauen, und trotzdem haben Einige hier die Ruhe weg. Wobei wir die Dahinvegetierer in diesem Fall doch ein bisschen in Schutz nehmen müssen. Denn sind wir uns ehrlich, wer kann in diesem Ding schon die richtige Gehgeschwindigkeit einschätzen? Ist die eigene Schrittfolge zu schnell, stößt man unweigerlich gegen das sich vorwärtsdrehende Plexiglas der elektronischen Drehtür. Ist die eigene Schrittfolge zu langsam, stößt einem unweigerlich das sich vorwärtsdrehende Plexiglas der elektronischen Drehtür. Es ist also ein perfekt ausbalanciertes Gehverhalten notwendig, um diese stressige Lebenssituation zu meistern. Die Drehtür, quasi die makellose Metapher für das Leben.